Zum neuen Semester erscheint im C.H.Beck Verlag das Buch „Jura geht auch anders“, das ich gemeinsam mit meinem Freund und Kommilitonen, Alexander Bleckat, geschrieben habe. Mit dem Buch möchten wir Vorurteile über und Ängste vor dem Jurastudium abbauen.

Das Buch dient als Ratgeber zur Studienplanung vom ersten bis zum letzten Semester, einschließlich der Examensphase. Dabei teilen wir mit den Lesern unsere Erfahrungen als Erstsemestertutoren und Klausurkorrektoren, damit diese mit dem größtmöglichen Spaß durchs Studium gehen können. Neben vielen Tipps zeigen wir u.a., wie man die Stoffmenge des Studiums bewältigen kann, worauf man in Klausuren achten muss und welche Erwartungen Klausurkorrektoren an eine Falllösung stellen.

Ein Ausblick auf das hochaktuelle Thema Legal Tech und Interviews mit verschiedenen Branchengrößen bieten zudem einen ersten Einblick in die spätere Berufspraxis.

Mit Genehmigung des C.H.Beck-Verlags kann das Interview mit Marco Klock vorab veröffentlicht werden.


Zur Person: Schon während seines Jurastudiums erkannte Marco Klock den grundsätzlichen Bedarf kleiner und mittelständischer Kanzleien an Legal Outsourcing. Gemeinsam mit einem Kommilitonen startete er 2013 deshalb die Marco Klock und Philipp Harsleben Recherchedienstleistungen GbR. Aus ihr ging 2014 die edicted. GmbH hervor, an der seit 2016 der C.H.Beck Verlag beteiligt ist. Im gleichen Jahr gründete er mit rightmart seine eigene Kanzlei. Diese hat seit ihrem Start bereits über 20.000 Hartz-IV- und Bußgeld-Bescheide geprüft und dabei im zweiten Jahr (2017) mehr als zwei Million Euro Umsatz erwirtschaftet. Über 65.000 Leute folgen der Online-Kanzlei in den sozialen Medien.

Frage: Herr Klock, die gemeinsame Recherchedienstleistungen GbR mit Herrn Harsleben haben Sie noch während Ihres Studiums ins Leben gerufen. Wie genau sind Sie damals auf die Idee zur Gründung gekommen?

Marco Klock: Nun ja, wir brauchten Geld. Philipp (Harsleben) und ich haben nebenbei kleine Recherchetätigkeiten für Kanzleien erledigt. Es wurde relativ schnell deutlich, dass es dabei auf eine Anwesenheit vor Ort in der Kanzlei nicht ankommt: Die Kanzleien wollten den universitären Zugang zu Beck online und Juris vollumfänglich nutzen – dafür waren wir das perfekte Vehikel. Als wir dann erfahren haben, dass eine kommerzielle Nutzung dort nicht erlaubt war, haben wir schließlich eigene Büroräume angemietet und unsere Nebenjobs in ein skalierbares Konzept verwandelt.

Frage: Wie haben Sie eine zunehmend zeitintensive Geschäftstätigkeit mit Ihrem Studium verbunden, und kann das Wissen um ein eigenes Unternehmen sogar bei der psychischen Bewältigung des Studiums helfen?

Marco Klock: Also zunächst habe ich es einfach nebenbei gemacht. Entgegen der Meinung vieler anderer denke ich auch, dass das Jura-Studium bis zur Lernphase vor dem 1. Staatsexamen zeitlich enormen Freiraum lässt. Und genau diesen habe ich dann ausgenutzt und bin meinem „Hobby“, dem Gründen, nachgegangen. Damit habe ich mich schon vor dem Studium beschäftigt und es war immer mein Ziel, etwas „Eigenes zu machen“.

Frage: Sie selbst haben Ihre juristische Ausbildung nicht abgeschlossen. Wo war der Punkt, an dem Sie das Studium abgebrochen und ganz auf Gründer gemacht haben?

Marco Klock: Das Studium habe ich am Ende aus Zeitmangel abgebrochen. Es war ja nie mein Ziel, Volljurist zu werden, denn ich wollte Gründer sein. Die Frage war immer nur, wie lange es dauert, bis eine Idee aufkommt, die skalieren kann und die Früchte trägt. Mit edicted. und dann insbesondere rightmart war das dann schließlich (nach vielen anderen Versuchen) der Fall: Investoren kamen an Bord, der Umsatz wuchs Monat um Monat und schließlich war das Ganze so überzeugend, dass Rechtsanwälte, die teilweise in Großkanzleien bereits Karriere gemacht haben, mit dabei waren. Da dachte ich: Jetzt ist es wohl soweit.

Frage: Was würden Sie Studierenden mit auf den Weg geben, die selbst mit einer Geschäftsidee starten möchten?

Marco Klock: Das ist nun nicht jura-spezifisch, aber grundsätzlich: Machen (!). Ich könnte eine super lange Liste von Fehlern aufzählen, die mich Wochen an Zeit und sehr viel Geld gekostet haben. Trotzdem hat all das zu der größten Lernkurve meines Lebens geführt. Solange man in der Lage ist, den Fokus zu wahren und die Prioritäten zu setzen, wobei einem ein erfahrener Gründer innerhalb weniger Minuten helfen kann, gilt die Devise, einfach zu machen. Damit unterstütze ich keine idiotischen Ideen, sondern beschreibe ein benötigtes Mindset, welches für jedermann unglaublich wertvoll ist. Plausibel denken, Entscheidung treffen und machen. Lernen, verbessern und machen.

Frage: Welche Umstände haben Sie dazu bewogen, mit rightmart eine eigene Kanzlei zu gründen und worin unterscheidet sie sich von einer normalen Kanzlei?

Marco Klock: Während der Zeit bei edicted. habe ich die Probleme „normaler“ Kanzleien erkannt: Kein zentrales Wissensmanagement, keinen Ansatz für Datenstrukturen, unglaublich ineffiziente Prozesse und kein Gefühl für das, was der Mandant wirklich will (convenience). Sehr aggressiv haben wir dann direkt angefangen, eine Kanzlei­software zu entwickeln, die als eine Art Workflow-Management-System auf Basis einer ausgeklügelten Datenstruktur juristischen Prozesse steuert und automatisiert. Die Kanzlei diente zunächst als Versuchsobjekt.

Am Ende war dann doch alles sehr viel komplizierter und wir brauchten ca. 5.000 gleichartige Verfahren, bis wir auf unser eigenes System (rightmart) umsteigen konnten, welches heute täglich intelligenter wird und unabhängig vom Rechtsgebiet das effizienteste Kanzleitool am Markt ist. Mittlerweile gibt es keine repetitiven Prozesse mehr und Juristen entscheiden nur die juristischen Fragen. Sobald eine Frage mehrmals auftaucht, assistiert das System.

Mit jedem Datenpunkt, den wir implementieren, werden unsere Prozesse effizienter. Diese Datenstruktur ist so mächtig, dass auf dieser Grundlage künstliche Intelligenz möglich ist, was weitere Effizienzgewinne nach sich ziehen würde. Und das alles kommt dem Mandanten zu Gute, äußerlich erkennbar durch Qualität, Preis und Service.

Frage: Ist rightmart bereits die Online-Kanzlei von morgen und wohin geht der Weg in den nächsten Jahren?

Marco Klock: Im Vergleich zu dem, was bisher am Markt vorhanden ist, spielt rightmart ganz vorne mit. Es gibt bisher kaum Kanzleien, die sich „Legal Tech“ auf die Fahne geschrieben haben und mit Hochdruck daran arbeiten, eigene Software zu entwickeln. Darunter fallen bisher eigentlich nur die Kanzleien, die massenhaft Inkasso- oder wettbewerbsrechtliche Verfahren abwickeln.

Vielmehr ist rightmart aber deshalb die Kanzlei von morgen, weil bei uns alles unternehmerisch aufgestellt ist: Recht erkennen wir nicht als USP (unique selling proposition – Alleinstellungsmerkmal) an. Der Mandant und damit das Produkt – geprägt durch Service (Erreichbarkeit), Prozesse (Einfachheit) und Schnelligkeit (Lieferzeit) – stehen an erster Stelle. Oder, um es anders auszudrücken: Die Marketing- und Produktabteilungen und auch die Entwicklungsabteilung, die es in anderen Kanzleien nicht gibt, sind bei uns genauso groß wie die Rechtsabteilung.

Frage: Die Digitalisierung ist in vielen Branchen auf dem Vormarsch. An welchem Punkt steht die digitale Entwicklung der Rechtsbranche und was kommt in den nächsten Jahren noch auf sie zu?

Marco Klock: Das Thema Legal Tech wird vor allem vom Wunsch des Mandanten getrieben. In der Rechtsbranche stehen wir gerade am Anfang, da es nun erste Rechtsdienstleistungen gibt, die genauso einfach zu „bestellen“ sind wie eine Pizza (z. B. hartz4widerspruch.de (rightmart) oder flightright.de). Der Erfolg dieser Unternehmen, hinter denen am Ende ein Rechtsdienstleister (Kanzlei) steht, zeigt deutlich, was der Mandant will und was möglich ist. Keiner aus unserer Generation möchte wirklich zum Rechtsanwalt gehen. Das gilt für 90 % der Probleme im Rechtsbereich für Verbraucher.

Im Ergebnis führt diese Entwicklung dazu, dass die Rechtsbranche sich insgesamt (sehr schnell) in diese Richtung entwickeln wird. Es werden große Marken entstehen, die jahrelang in Effizienz und Wissensmanagement (Software) investiert und unternehmerische Strukturen aufgebaut haben. Dieser Vorsprung ermöglicht es diesen Playern, den Mandanten ein bisher nie dagewesenes Dienstleistungserlebnis (Service) zu bieten. Am Ende wird der Mandant sich freuen.

Frage: Glauben Sie, dass es in Zukunft für Juristen schwer sein wird, eine Beschäftigung zu finden, und was macht Ihrer Meinung nach einen guten Juristen (der Zukunft) aus?

Marco Klock: Es wird immer die sehr guten Juristen brauchen, die geeignet sind, sich hochgradig zu spezialisieren. Diese bilden auch bei den neuen Rechtsdienstleistern die Speerspitzen und werden weiterhin von Großkanzleien mit Kusshand genommen. Diese Juristen machen aber maximal 5-10 % der Rechtsanwälte aus.

Für diejenigen, die sich als Rechtsanwalt selbstständig machen möchten, sieht es düster aus, solange das Rechtswissen als Asset betrachtet wird. Auch für diejenigen, die verstehen worauf es ankommt, wird es zunehmend schwerer, da der Vorsprung der Legal Tech Player größer und größer wird.

Viele Jobs für Rechtsanwälte werden also wegfallen. Viele davon waren oder sind selbstständig in kleinen Sozietäten oder in einer Kanzlei angestellt, die den Wechsel ins Digitale (siehe oben) nicht geschafft haben.

Dafür entstehen neue Jobs, die sich Legal Engineer, Legal Data Scientist oder Legal Product Manager nennen: Alle geprägt durch analytische und produktorientierte Fähigkeiten auf Basis der vorhandenen Datenstrukturen und Software. Sehr strukturiert und analytisch denkende Juristen haben am neuen Rechtsmarkt also gute Chancen.

Gleichzeitig wird das Gros der juristischen Arbeit, das „übrig bleibt“ (standardisierte Entscheidungen mit wenig Spielraum) durch Wirtschaftsjuristen erledigt werden.

Jede Veränderung ist auch eine Chance. Man muss sie nur ergreifen und darf sie nicht leugnen.


 

News vom Legal Tech Inkubator Hannover