Vorsicht vor dem Hype“ warnte am 11.12.17 ein Beitrag auf LTO zum Thema Legal Tech und räumt mit Gerüchten um einen radikalen Umsturz im Rechtsdienstleistungsmarkt auf. Danach werden Anwälte auch in Zukunft nicht durch künstliche Intelligenz ersetzt werden.

Umgehauen hat mich das nicht. Tatsächlich konnte ich bisher kein Interview lesen, keinen Player innerhalb der Legal Tech Szene ernsthaft darüber sprechen hören, dass uns schon bald ein durch KI ausgelöstes „Massensterben der Anwaltszunft“ droht. Von solch dunklen Prophezeiungen lese ich immer nur in Artikeln, wie dem eingangs zitierten. Um überhaupt beschwichtigen zu können, muss zunächst aufgewiegelt werden.

Bedenklich an der Inszenierung solcher Extreme macht mich, dass dabei regelmäßig Wesentliches verloren geht. Legal Tech ist nicht nur heiße Luft. So hat beispielsweise allein flightright weit über 3 Mio. Flugverspätungsfälle bearbeitet und dabei Entschädigungen von über 100 Mio. Euro für seine Kunden durchgesetzt. Auch rightmart hat seit dem Start von Hartz4widerspruch.de im Mai 2016 bereits 20.000 Hartz-IV- und Bußgeldbescheide geprüft, bei mehr als zwei Million Euro Umsatz. Goldman Sachs, Union Investment, Deutsche Bank, SAP, Linde, Bilfinger, Clifford Chance, Freshfields und viele mehr nutzen die Software von Leverton. Und in edicted investierte der C.H.Beck Verlag, nur um ein paar Beispiele zu nennen.

1. Legal Tech krempelt die Art bisheriger Rechtsdienstleistung um
Die Digitalisierung der Arbeitswelt schreitet voran. Natürlich wird sie auch die Rechtsbranche beeinflussen. Sie tut es jetzt schon. Längst betreibt eine boomende Legal Tech Szene die Digitalisierung des Rechts. Diese Unternehmen unterscheiden sich jedoch nicht durch „Blockchain, Artificial Intelligence, Smart Law oder Coding“ von der Anwaltschaft. Der digitale Wandel vollzieht sich vielmehr dadurch, dass Legal Tech Unternehmen die Art bisheriger Rechtsdienstleistung konsequent am Bedürfnis des Kunden ausrichten. Ausgehend von seinen Bedürfnissen bauen sie klar definierte und transparente Produkte, die den Kunden abholen und nur das abdecken, was dieser tatsächlich braucht.

Erst langsam zeichnet sich ab, wie komplex dieser Wandel für die gesamte Branche sein wird. Der Blick in andere Wirtschaftszweige und über den großen Teich lässt erahnen, dass Veränderungen nicht an der bisherigen Art der Rechtsdienstleistung und einer Verbesserung des Kundenservice stoppen werden. Das Dienstleistungserlebnis aus anderen Branchen erwarten Kunden künftig auch in der anwaltlichen Rechtsberatung. Während viele Anwälte und Notare diese Veränderungen noch immer nicht erkannt haben und deshalb keinen Grund für Veränderungen sehen, beginnen proaktive Kollegen bereits damit, ihre Rechtsberatung ins Internet zu verlagern. Dort bieten sie einem bundesweiten Publikum von potenziellen Mandanten moderne Webseiten, Blogs, vereinzelt auch Videos, auf denen sie sich als Experten präsentieren und wertvolle Rechtsinformationen geben.

Digitalisierung bedeutet eben mehr als einfach nur ein bisschen Software zu installieren. Sie verlangt nach konkreten Visionen und Strategien für neue digitale Produkte. Auch interne Kanzleistrukturen werden sich zwangsläufig ändern müssen. Kanzleien werden stärker als noch heute von Digital Natives abhängig sein, die in horizontalen Hierarchieebenen mit ihren Kanzlei-Chefs arbeiten – schnell, agil und unbürokratisch. Gefragte Arbeitskraft wird dann sein, wer kreativ ist und weiß, wie sich neue Geschäftsmodelle in einer klassischen Konzernstruktur konstituieren und realisieren lassen. Kanzleipartner die sich darauf nicht einlassen können, auf ihre herausgehobene Stellung und eine hierarchische Arbeitsweise pochen, werden sukzessive Marktanteile an eine proaktive Konkurrenz verlieren. Die massiven, handfesten und digital sichtbaren Vorteile werden dazu führen, dass auch langjährige Mandantschaft peu a peu zu alternativen Anbietern wechselt.

In alternden Kanzleien können jüngere Juristen als Digital Natives wahre Hoffnungsträger sein – wenn sie denn argumentieren, überzeugen und dagegenhalten, um notwendige Veränderungen anzustoßen. Im Idealfall beginnt sich die Kanzlei durch diese Auseinandersetzung zu bewegen und zu verändern. Neue Dienstleistungen und Angebote werden ausgetestet, mache angezweifelt, manche verworfen.

2. Legal Tech als Bestandteil der Juristenausbildung
Was kann getan werden, um Divergenzen zwischen bisheriger anwaltlicher Praxis und neuen Marktanforderungen, zwischen Legal und Tech zu verringern? Um Berührungsängste abzubauen sollte Legal Tech fester Bestandteil der universitären Juristenausbildung werden. Das ist bisher nicht der Fall. Nur vereinzelt werden universitäre Veranstaltungen angeboten. So aber bleibt eine deutliche Kluft zwischen dem bestehen, was die Universitäten lehren, und dem, was der Markt von den Absolventen verlangt.

Wie zurückhaltend deutsche Universitäten agieren, wird im Vergleich mit Amerika deutlich. Hier sind Fächer wie Introduction to Legal Technology, Coding for Lawyers, Data Analytics und Empirical Legal Studies unlängst fester Bestandteil des Lehrplans. Deutlich machen das auch folgende Schaubilder:

 Im unteren Bild musste ich auf die Verbindungslinien verzichten. Dafür war einfach kein Platz mehr.

In Deutschland sind Universitäten reservierter. Das zeigt etwa das Beispiel der juristischen Fakultät der Uni Bremen. Hier sitzen mit rightmart und edicted zwei Schwergewichte der Legal Tech Branche direkt vor der Haustür, faktisch arbeitet bereits auch ein Großteil der Studierenden für diese Unternehmen. Trotzdem gibt es keine Legal Tech Veranstaltung. Auf eine Kooperation mit diesen Legal Tech Unternehmen hat man bisher verzichtet. Auch im Raum Frankfurt haben Universitäten das Thema Legal Tech noch nicht aufgegriffen, obwohl hier viele entsprechende Unternehmen ansiedeln.

Teil dieser Problematik ist die gelebte Kultur an deutschen Universitäten: Anders als in Amerika verfügen Lehrende über wenig oder keine Praxiserfahrung. Fakultäten existieren inselartig nebeneinander und interagieren kaum bis gar nicht mit anderen Fachrichtungen. Sogar innerhalb der Fakultät wird oft nur eine minimale Interaktion mit anderen Stoffgebieten betrieben. Die einzelnen Lehrstühle verharren lieber in ihrer Tradition.

Bucerius Law School, Hamburg
Vorreiter auf dem Gebiet der universitären Legal Tech Ausbildung ist die Bucerius Law School. Mit ihrem Center on the Legal Profession (Bucerius CLP) bemüht sie sich – neben einer profunden juristischen Ausbildung – um die Vermittlung fachübergreifender Kenntnisse, auch in den Bereichen Wirtschaft und Management. Das CLP will nicht nur Juristen, sondern gute Berater formen und versteht sich in dieser Rolle auch als Ansprechpartner von wirtschaftsberatenden Kanzleien und Rechtsabteilungen. In dieser Funktion lädt das CLP zur jährlichen Herbsttagung und hat mit dem Bucerius Open Innovation Lab eine gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsplattform für Rechtsabteilungen, Kanzleien und alternative Anbieter geschaffen.

Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)
Am 15.11.17 startete Prof. Dr. Stephan Breidenbach sein Online-Seminar zum Thema Legal Tech für Studierende der Europa-Universität Viadrina. Daneben betreut er gemeinsam mit RA Florian Glatz das Legal Tech Center, das neben Workshops, Konferenzen und Meetups eigene Legal Tech Anwendungen entwickelt und individuelle Beratungen zum Thema Legal Tech anbietet. Gemeinsam haben beide auch die „Berlin Legal Tech“ ins Leben gerufen. Die Konferenz am 10.02.2017 widmete sich den praktischen Konsequenzen der Digitalisierung für die juristische Praxis. Ihr vorgeschaltet war ein zweitägiger „Hackathon“, der Juristen und Programmierer zusammenführte.

Legal Tech Tagung/Konferenz, München bzw. Mannheim
An den Universitäten München und Mannheim organisiert PD Dr. Fries immer wieder Tagungen bzw. Konferenzen zum Thema Legal Tech. Auf ihnen geben ausgewählte Referenten aus Wissenschaft und Praxis einen Einblick in die Folgen der Digitalisierung für die anwaltliche Rechtsberatung, die außergerichtliche Streitbeilegung und das Verfahren vor den Zivilgerichten.

Lexalyze, München
In einer Kooperation der LMU und TU München hat mit Lexalyze ein universitäres Forschungsprogramm mit der Erschließung und Analyse objektiver bzw. rationaler Prinzipien juristischer Entscheidungsprozesse begonnen. Das Forschungsprogramm kommt kryptisch daher. Hinter dem Projekt versteckt sich der ambitionierte Versuch, das Recht errechenbar und so der Programmierung zugänglich zu machen.

Legal Tech Lab, Frankfurt a.M.
Ziel der studentischen Initiative des Legal Tech Labs ist es, die Digitalisierung des Rechts an der Goethe-Universität Frankfurt präsent zu machen. Dies soll – in einem ersten Schritt – durch Vortragsabende und Veranstaltungen zum Thema erreicht werden. Angedacht sind zudem weitere Workshops und Seminare, bei denen die Teilnehmer ein Legal Tech Zertifikat erwerben können.

Munich Legal Tech Student Association, München
Ein vergleichbares Projekt ist in München gestartet. Auch die Legal Tech Student Association möchte Studierende für Legal Tech begeistern und plant Workshops und Vorträge zu diesem Thema. Die Vermittlung der Funktionsweise neuer Technologien soll Studierende in die Lage versetzen, eigenständig innovative Lösungen für juristische Probleme zu entwickeln.


Artikel wie der eingangs zitierte zeigen, dass in der Rechtsbranche noch großer Respekt vor der Digitalisierung besteht. Auf ihren Meetups, Blogs und Veranstaltungen bemühen sich Legal Tech Unternehmen bereits um Aufklärung und Akzeptanz. Die Universitäten müssen zu dieser Entwicklung aufschließen. Konkrete Vorschläge, wie Universitäten Legal Tech Veranstaltungen in ihrem Lehrplan einbinden könnten, haben Nico Kuhlmann und Marcel Schneider bereits gemacht. Auch studentische Initiativen können das Thema an den Universitäten präsent machen. Zum Jahresende sind erste Projekte – wie das Legal Tech Lab oder die ML Tech Student Association – mit motivierten Studierenden an den Start gegangen. Gerade diesen Initiativen wünsche ich viel Erfolg und hoffe, dass sie auf offene Türen stoßen.

News vom Legal Tech Inkubator Hannover